Tage Alter Musik – Jubiläumsschrift 2009

IV. Oratorien, Kantaten, Concerti und Sonaten Kantoren, Hofmusiker, Bürger (Musik des Barock) Für den heutigen Alte-Musik-Hörer ist die Barockmusik nach wie vor verbunden mit den großen Musikerpersönlichkeiten Bach, Händel, Vivaldi. Inzwischen ist die Erfassung von Barockmusik aber um viele weitere Komponisten und Aspekte erweitert worden, was ohne Zweifel ein enormes Verdienst der historisch informierten Aufführungspraxis darstellt. Was macht den ungebrochenen Reiz dieser Musik für den heutigen Hörer aus? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Betrachter der Musikgeschichte sprechen vom ausgewogenen Ineinander homophoner und polyphoner Strukturen, der Vervollkommnung der tonalen Harmonik, von der konsequenten Durchführung des Generalbasses. Oder soll man wirkungsästhetisch vom Rausch der spielerischen Kombinatorik, der rationalen Gelenktheit gegenüber den späteren (romantischen) emotional-existenziellen Anmutungen, dem Eindruck festlicher harmonischer Wohlgestimmtheit sprechen? Solche Hörerfahrungen sind nur schwer in Worte zu fassen; andererseits ist man zu solchem Nachdenken herausgefordert, wenn man sieht, dass über lange Zeit (des 19. und 20. Jahrhunderts) die Barockmusik eher als verpönt galt, als ‚stereotyp“, ‚langweilig‘, ‚verspielt‘, ‚rückständig‘, ‚ausdruckslos‘. Erst die historisch informierte Aufführungs- praxis scheint diesen älteren Musiktraditionen wieder Leben eingehaucht zu haben. Barockmusik in den ersten Festivaljahren (Koopman, Malgoire, Lamon, Goebel) Es entspricht dem Konzept der Tage Alter Musik Regensburg – im Unterschied zu vergleichbaren Festivals –, jedes Jahr alle einschlägigen musikgeschichtlichen Epochen im Festivalprogramm abzu- decken. Dass die Barockmusik dabei schon im Umfang den Schwerpunkt bildet, gehört ebenfalls zum Festivalprofil. Ebenfalls sind ein Charakteristikum des Festivals die internationale Ausrichtung der Künstlerauswahl und die ausgewogene Berücksichtigung der musikalischen Gattungen. Schon beim ersten Festival (1984) wurde versucht dieses Konzept umzusetzen, auch wenn die Planungsarbeit noch von vielen Zufällen gelenkt wurde. Die Erinnerungen des Veranstalters Stephan Schmid geben Einblicke in die damalige Planungssituation. Gleichzeitig vermitteln sie ein Bild vom Barockpro- gramm der ersten Festivaljahre: „Wir kannten damals Musica Antiqua Köln als führendes und zukunftswei- sendes deutsches Ensembles aufgrund mehrerer Livekonzerte, deshalb war ihre Verpflichtung für uns beschlossene Sache. Zudem bot sich ein Duoprogramm mit Reinhard Goebel (Violine) und Robert Hill (Cembalo) an, die soeben die Bachschen Violinsonaten für die Archivproduktion eingespielt hatten. Beim Utrecht-Festival hatten wir das Boston Museum Trio live erlebt und kannten seine Schallplatten. Wir erfuhren, dass Brüggens Orchester des 18. Jahrhunderts während unseres Festivals auf Tournee war. Die Mitglieder des Boston Museum Trio Daniel Stepner, Violine, Laura Jeppesen Viola da gamba und 101 Musica Antiqua Köln in der Minoritenkirche (1984)

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