Tage Alter Musik – Jubiläumsschrift 2009

erreicht, als es 1997 zum ersten Mal in Deutschland gastierte – mit mittelalterlicher Tanzmusik aus Italien, Frankreich und England. So bunt die Literatur, so bunt die Instrumentenpalette und die Arrangements der Gruppe! Die meisten Mittelalter-Ensembles kombinieren im Übrigen Instrumental- mit Vokalmusik. 1995 waren zwei Formationen aus den USA in Regensburg zu Gast. Sonus spielte und sang auf seinem Europadebüt in Regensburg Tänze und Lieder aus Frankreich und Spanien (13./14. Jahrhundert); mit The Newberry Consort aus Chicago gastierte eine sehr prominent besetzte Gruppe: die Gambistin Mary Springfels und Raphael Mizraki, Laute, sowie David Douglass an Fidel und Rebec. Leider war der zunächst avisierte Countertenor Drew Minter, zweifellos ein Star in der Szene, kurzfri- stig in Regensburg erkrankt. Stephan Schmid erinnert sich: „Der bekannte Regensburger Stimmarzt Dr. Hacki hatte ihm Stimmverbot erteilt. Ein Anruf bei Thomas Binkley beruhigte uns dahingehend, dass die Gruppe auch als reines Instrumentalensemble äußerst wirkungsvoll aufzutreten vermochte.“ Drew Minter, der sich aber, bei „seinem“ Konzert der Stimme beraubt, unter das Publikum mischte, ist übri- gens in späteren Jahren zweimal nach Regensburg gekommen. Nicht minder renommiert ist The Boston Camerata mit Andrea von Ramm und John Fleagle (beide inzwischen verstorben) . Das Konzertprogramm (1998) war erlesen: die Sage „Tristan et Iseult“ (Gottfried v. Straßburg und Thomas de Bretagne). Wie bei mittelalterlichen Überlieferungen so häufig, sind auch hierbei viele Improvisationskünste erforderlich. Der Text ist mehreren Handschriften aus ver- schiedenen Jahrhunderten entnommen, einzelne Partien werden zu Melodien aus der Zeit gesungen, andere werden gesprochen – insgesamt eine Praxis, die bei Barden und Minnesängern durchaus üblich war. Noch abgelegenere Wege zur Bardentradition beschreitet Altramar , wenn es die keltische Welt des Mittelalters wiederzuerwecken sucht (1999). Wie so oft fallen bei der Rekonstruktion solcher Liedtraditionen aus Spätmittelalter und Renaissance stark folkloristische Elemente auf. Solche Verbindungen zur Folkloretradition macht sich in zeitgemäßer Weise besonders Hesperus zunutze. Es gilt deshalb als Crossover-Ensemble, wenn seine Musiker etwa 1994 mittelalterliche Musik mit ameri- kanischer Folk- und Bluesmusik (mit Cajun, Ragtime) nahtlos verknüpfen oder – noch kühner – 2000 ein Classical-Blues-Programm spielen und dabei bei Guillaume de Machaut den Blues-Stil entdecken. Auf historisch gesicherterem Boden bewegte sich Fortune’s Wheel 2001, als das Ensemble Virelais, Chansons, Rondeaus, Estampies und Balladen von Machaut und den nordfranzösischen Trouvères virtuos und lebendig darbot. Die Sopranistin Sylvia Rhyne sowie der Lautenist und Tenor Eric Redlinger unternahmen 2007 als Duo Asteria einen Streifzug durch das höfische Liebesliederrepertoire des Spätmittelalters – ein subtiles Erlebnis im intimen Rahmen des Runtingersaals. 2009 wird La Rota (Montreal) Musik zur Zeit Philipps IV. des Schönen erklingen lassen und ein Panorama weltlicher Musik dieser Zeit (um 1300) entfalten. Mit Paul Shipper ist einer der häufigsten Gäste aus Amerika genannt. Als Bassist und flexibler Instrumentalist ist er Mitglied verschiedener Ensembles und als solches des Öfteren nach Regensburg gekommen, in das er sich gera- dezu verliebt zu haben scheint. Einmal (2002) trat er als Solist auf mit einem besonders spektakulären, weil sehr seltenen Programm: dem Meistergesang von Hans Sachs (und Michael Beheim). Bedenkt man, dass die Meistersinger sich als die städtisch-bür- gerlichen Nachfolger der Minnesänger verstanden haben und Hans Sachs über 6000 Lieder und ähnlich 85 Paul Shipper (2002)

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