Tage Alter Musik – Programmheft 2019

63 T age a LTeR M USIK R egenSBURg Konzert 11 Bachs ehefrau, Johann Caspar Wilcke, ein Trompeter in Zeitz und Weißen- fels. Sein Taufpate, Sebastian nagel, war Stadtpfeifer in gotha. Diese fami- liären Verhältnisse lassen vermuten, dass Johann Sebastian mit dem Spiel, der Tradition und dem Repertoire von Blasinstrumenten sehr vertraut war. als kleiner Junge hörte er den Klang von Blockflöten, Trompeten, Schal- meien, Barockposaunen und Dulzianen. In seinen ohren ertönte jene Kom- bination von Rohrblatt- und Blechblasinstrumenten, aus denen ab dem 15. Jahrhundert professionelle deutsche ensembles bestanden, die von bei- nahe jeder Stadt, jedem Hof und jeder Kathedrale von Rang unterhalten wurden. Diese Blasinstrumentalisten, die Stadtpfeifer, bildeten mit ihren historischen Instrumenten, Repertoires und Stilen den Sockel, auf dem Bach die Säule seiner eigenen kompositorischen Kreativität errichtete. Zwei der Hauptthemen im Programm kreisen um zwei alte Melodien, die unmittelbar zu den Vertonungen durch Bach führten. Die erste, Christ ist erstanden , das österliche auferstehungslied, hat ihren Ursprung im 11. Jahr- hundert und erfuhr in der Renais- sancezeit zahlreiche auslegungen. Den Höhepunkt dieser entwick- lung bildet Bachs Choralsatz, der eine seiner Kantaten beschließt. Die zweite, A solis ortus cardine , die bereits im 4. Jahrhundert entstand, erfuhr ihre früheste, noch erhaltene mehrstimmige Bearbeitung im spä- ten 15. Jahrhundert. Martin Luther unterlegte ihr den Text Christum wir sollen loben schon und schließ- lich verwendete Bach sie in weite- ren Kantaten. auch weltliche Melodien kamen auf ihrem eigenen Weg zu Bach. Innsbruck, ich muß dich lassen , Heinrich Isaacs berühmtes, inniges Klagelied über das gezwungene Verlassen einer geliebten Stadt, wird bei Bach zu O Welt, ich muß dich lassen, das mit der entlehnten Melodie in mehr als einer Kantate aufgeht. auch die reichen erkundungen der Chromatik durch Komponisten des 16. Jahrhunderts, wie Lassos Carmina chromatico und Handls O magnum mysterium, die in unserem Programm zu finden sind, ebneten einen neuen klanglichen Weg für Bachs Kreativität. Seinen Choral Christ ist erstanden kann man sich nicht vorstellen ohne die Bemühungen von Komponisten der Renaissance, die grenzen des Vorrats an erlaubten Tönen, wie er sich seit dem 11. Jahrhundert manifestierte, zu erweitern. Die endstation der Reise hin zu Bach führt uns in die Welt des Tanzes, ein genre, das in gewissem ausmaß die komplette Musik der Renaissance und des Barock durchdringt. Terpsichore, die großartige Sammlung von Michael Praetorius, ist eine Schatzkiste voller Werke aus ganz europa, die die Stadtpfeifer im Deutschland Bachs mit einer Fülle von Beispie- len von der Pavane bis hin zur Volta versorgte. Johann Hermann Schein mit seinem Banchetto Musi- cale (1617) und Samuel Scheidt nahmen sich Praetorius‘ Samm- lung zum Vorbild. alle drei Kom- ponisten stammen aus der genera- tion, die der geburt Johann Sebas- tian Bachs vorausgeht. © Bob Wiemken Übersetzung: Johannes Schäbel, UR Mack Ramsey Kiri Tollaksen Fiona Last CD: Piffaro, The Renaissance Band – Back before Bach - Musical Journeys Der Pfeiferstuhl (Nürnberger Stadtmusiker auf dem Podium), Aquarell von Georg Eberlein, 1855 nach Albrecht Dürer Stadtpfeifer Stadtpfeifer aus: Historia de gentibus septentrionalibus, 1555

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