Tage Alter Musik – Programmheft 2019
67 T age a LTeR M USIK R egenSBURg Konzert 12 Was die Berühmtesten unter ihnen betrifft, so ist ihr Leben durch die Vidas bekannt, die von ihrer Herkunft, ihrer Karriere und ihren gönnern berichten sowie die namen der Frau(en) nen- nen, der (denen) ihre hingebungsvoll, doch zurückhaltend ausgedrückte leidenschaftliche Liebe galt, was man in ihren gedichten entde- cken kann. Die Vidas erwähnen aber auch die Umstände ihres Todes, ob es sich umKreuzzüge oder um ein letztes Refugium in einer abtei oder einem Kloster handelt. all das spielt sich in einer Region südlich der Loire zwischen denalpen und den Pyrenäen ab: Provence, Languedoc, Périgord, aquitanien bis zum Poitou, aber auch in den nahe davon gele- genen gebieten, vor allem auf der iberischen Halbinsel, in Katalonien oder Kastilien, wo die Troubadours manchmal Zuflucht finden. gele- gentlich reisen sie auch in Richtung nordfrank- reich und sogar nach england oder begleiten ihre gönner auf Kreuz- oder anderen Kriegszü- gen. Trotz ihrer großen Verschiedenartigkeit sprechen sie die gleiche Spra- che, die man als „Langue d’Oc“ bezeichnet und die die Vorfahrin des okzi- tanischen ist, das man heute noch in bestimmten Regionen Südfrankreichs hören kann. Die überwiegende Mehrzahl der gedichte der Troubadours sind Canso , die von den Freuden und Leiden des „ Fin Amor“ (der hohen Minne) han- deln, doch gibt es auch andere Formen, die mit politischen und histori- schen ereignissen in Zusammenhang stehen wie etwa die Sirventes (sati- rische oder erbauliche gesänge), die Planh (Totenklagen) oder die Kreuz- zugslieder. Doch Liebesthemen werden auch in anderen Formen ange- sprochen, so in den Partimen (buchstäbliche „Troubadourdebatten“ über Liebesfragen) oder in den Pastourellen , die oft eine fröhlichere auffassung der Liebesbeziehung zwischen dem Troubadour und einer Hirtin vermit- teln, und schließlich in den Alba (Tageliedern), die den abschiedsschmerz des geliebten bei Tagesanbruch schildern. Das „Okzitanische Nächte“ betitelte Programm ist diesen Liebesliedern gewidmet, dieser verliebten, aber oft vergeblichen Suche, die sich jedenfalls auf die ebene der Sehnsucht beschränkt, es sei denn, es handelt sich um die seltenere Situation, in der die Liebenden vereint sind, sich jedoch bei Tagesanbruch trennen müssen. Die Canso sind immer in Form von Strophen geschrieben, die stets die glei- che anzahl an Versen besitzen: im Fall der hier zusammengestellten Stücke 6, 7, 8, 9, 11. grundsätzlich unterliegen die Strophen einem sehr strengen gebrauch der Reimprinzipien mit Unterschieden in der art der Reimfolge oder - schemata. In vielen Fällen folgt auf die Strophen, deren anzahl sehr variabel ist (hier zwischen 5 und 7), ein Envoi (Tornada) (geleitstrophe), die gewissermaßen den Boten darstellt, der damit beauftragt ist, der geliebten die Liebeserklärung zukommen zu lassen, ob es sich nun um einen wirklichen Boten wie den geheimnisvollen Papiols aus Rassa tan creis handelt oder um gott, dem der Troubadour seine Liebe anvertraut hat (Lo clar temps). Hier ist übrigens zu bemerken, dass Hinweise auf die Religion in den Texten recht häufig sind. oft wird darin die Jungfrau Maria ange- rufen, um als Vermittlerin zwischen dem Troubadour und seiner Schönen zu dienen! auch die Alba halten sich an das Strophen- und Reimprinzip, doch haben sie alle ausnahmslos dasselbe Merkmal, nämlich einen letzten Vers, der immer folgendermaßen lautet: Et ades sera l’alba (Reis glorios) oder mit demWort Alba (S’anc fui bela) endet. In diesen Stücken können meh- rere Figuren auftreten. Reis glorios erscheint auf diesem gebiet als ein recht eigenartiger Text: Hier scheint nämlich nicht die geliebte, sondern der Wächter den großteil des Textes (sechs Stro- phen) zu übernehmen, während der geliebte nur die siebente und letzte Strophe singt. Dage- gen ist der Text in S’anc fui bela zwischen der geliebten und dem Wächter aufgeteilt, dessen aufgabe es ist, die Liebenden bei Tagesanbruch zu wecken. Die Figur des Wächters gehört zur gesamten Tradition der höfischen Liebe; diese Rolle wird später auch von Brangäne in Wag- ners Tristan und Isolde übernommen! Zwar schildern die Texte der Troubadours per se die gefühle der Männer, dennoch gibt es einige ausnahmefälle, in denen der gesang der einer Frau ist. Doch gibt es auch einige Frauen, die autorinnen solcher Lieder sind. Die berühm- teste darunter ist die gräfin Beatriz de Dia, die gattin guilhems de Peitieus, die eine leiden- Clara Coutouly, Sopran, und Paulin Bündgen, Countertenor Foto: Maxime Brochier Bild links: Der Tod des Troubadours Jaufre Rudel, MS Paris Bild oben: Bernart de Ventadorn (1130/40-1190/1200)
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